Depressive Phasen und das Lied des Windes

Ich stehe da und lausche. Mehr kann ich gerade nicht mehr. Irgendwer muss mir helfen. Irgendwer, der nicht mit seinen wahnsinnig tollen Weisheiten kommt und mir nichts anderes zu sagen hat als: „Du musst das positiv sehen!“ oder „Du hast nur gerade eine depressive Phase“. Natürlich liegen diese Leute dann nicht unbedingt falsch. Aber mal ehrlich: Wer will das schon hören, wenn es einem wirklich schlecht geht?

Manchmal, wenn dieses Gefühl von Hilflosigkeit bis in mein Herz vorgedrungen ist, stelle ich mich irgendwo in die Natur. Sie ist oft die einzige, die nicht wie wahnsinnig auf mich einredet. Doch sie spricht. Nicht mit Worten, nicht mit Texten, auch nicht durch Körpersprache. Sie erzählt ihre Geschichte vom Jetzt, durch ihr Dasein. Wenn du genau hin hörst, kannst du sie hören, wie sie dir ins Ohr flüstert. Sie spricht nicht von grossen Taten, von Mut und Durchhaltevermögen, wie uns dies die Medien und Mitmenschen so oft predigen.

Sie spricht von der Einfachheit. Von einer Weisheit, die nicht auf einem „richtig oder falsch“ beruht. Was sie ausmacht, ist nichts als Existenz und diese ist zum Glück oft gar nicht so kompliziert. Das einzig schwierige ist, ihre Sprache zu verstehen, denn wir Menschen kennen diese Art von Kommunikation nicht mehr.

Heute stehe ich draussen, auf der kahlen Strasse neben der Kirche. Der Himmel ist bewölkt. Den Farben der Welt ist die Sättigung ausgegangen. Neben mir befindet sich ein kleiner Spielplatz. Die Schaukeln zirkeln etwas wild aber einsam im Wind hin und her. Es ist erdrückend still, vom Brausen des leichten Sturmes abgesehen.

Ich stehe da und lausche. Und ich fühle, wie eine sanfte, einfache Erkenntnis die Hilflosigkeit in meinem Herzen verändert. Ganz unbemerkt ist sie in mein Inneres geschlichen, übertönt von den Eindrücken der Aussenwelt. Die Erkenntnis enthält nur dieses: „Loslassen“. Loslassen, wie die Schaukeln, die sich dem Wind hingeben, anstatt sich dagegen anzustemmen. Wie das Blatt, das vor meinen Augen durch saust. Wie der Baum, der seinen alten, morschen Ast dem Wind schenkt und fallen lässt, anstatt ihn mit viel Mühe festzuhalten.

Natürlich lasse ich nicht alles los. Aber ich lasse meine Gedanken los. Und ohne meine Gedanken, verändert sich die Welt.

Ich stehe immer noch draussen, auf der kahlen Strasse neben der Kirche. Alles ist gleich, doch alles ist anders. Am Himmel spielen die Wolken fangen. Die Schaukeln tanzen fröhlich im Wind und lassen sich gehen. Es ist still, denn die Welt lauscht, während der leichte Sturm ihr ein Lied singt.

4 Comments

  1. Das klingt traurig. Aber das darf auch sein. Und ich denke es hilft darüber zu schreiben. In einer sehr angenehmen Art und Weise. Und auch wenn es unpassend sein könnte, es wäre spannend (für mich) dieses Szene fotografisch festzuhalten… Voller Emotion und echte Gefühle…

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  2. Es ist ja nicht nur traurig. Das schöne ist doch, wie aus der Trauer dann doch wieder das Gute „aufersteht“ und gesehen werden kann. Am Anfang war die Verzweiflung, doch die Möglichkeit, die Welt wieder mit anderen Augen zu sehen, hat geholfen.
    Das stimmt, es wäre eine sehr schöne Szene für ein Bild. Und gar nicht unpassend! Falls du irgendwann ein Bild in dieser Richtung machst, lass es mich bitte wissen. :)

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  3. Mir geht es grade ähnlich, wir brauchen einfach wieder die Sonne. Natur kann so glücklich machen.

    Alles wird gut :)

    Alles liebe und viele Grüße, Svenja

    PS: Du schreibst wirklich toll!

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    • Hallo Svenja, dann wünsche ich dir dass die Sonne bald bei dir ankommt! Hier her hat sie es bereits wieder geschafft.
      Du hast recht, es wird alles wieder gut, irgendwie.

      Vielen Dank für das tolle Kompliment! Schön zu hören, dass dir mein Schreibstil gefällt. :)

      Liebe Grüsse
      Tatjana

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